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Warum Scheitern keine Option ist: Gründerland Baden-Württemberg - Spitze oder Mittelmaß?

Nach dem Motto "Einfach mal den Altersdurchschnitt senken" besuchten wir am 16.11.2016 die Veranstaltung Gründerland Baden-Württemberg - Spitze oder Mittelmaß? in der L-Bank am Börsenplatz.

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Quelle: http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.podiumsdiskussion-vom-musterlaendle-zum-gruenderland.7d2c6034-8db5-46f3-8ca1-df864724302f.html

Nachdem wir uns am Mittwoch tagsüber vor einer Delegation von 30 Wirtschaftlern im Startup Campus präsentieren konnten, ging es abends zur Podiumsdiskussion.

Bevor das Gespräch begann, bekamen drei erfolgreiche Gründer jeweils 3 Minuten Zeit für einen Pitch. Gestartet wurde mit Dr. Teresa Beck von GoSilico aus Karlsruhe. Teresa ist ziemlich cool: Keine 30, aber schon promoviert und Gründerin einer erfolgreichen GmbH. Dementsprechend hat ihr Pitch Eindruck hinterlassen.

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Dr. Teresa Beck beim Pitch für GoSilico
Quelle: http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.podiumsdiskussion-vom-musterlaendle-zum-gruenderland.7d2c6034-8db5-46f3-8ca1-df864724302f.html

Es folgte der Jens Casper, der mit seinem Maultaschen Startup „Herr Kächele - Schwäbisches für Schleckige“ das Catering für den Abend übernahm sowie Christopher Essert, der über das enorme Wachstum seines gleichnamigen Unternehmens sprach. Die Maultaschen waren sehr lecker!

„Manche sagen so, manche sagen anders“

Zur Diskussion eingeladen waren Digital-Experte Philipp Leutiger von Roland Berger, EnBW-Chef Frank Mastiaux, Joachim Dorfs, Chefredakteur der Stuttgarter Zeitung, Ingmar Hoerr, Chef des Tübinger Biotech-Unternehmens Curevac, L-Bank-Chef Axel Nawrath und Thilo Sautter, Partner bei der Beteiligungsgesellschaft Cinven.

Thematisiert wurden die Herausforderungen der schwäbischen Gründerszene, die Wünsche, Nöte und Sorgen der hier ansässigen Startups sowie die politische Situation; stets auch im Vergleich mit Berlin, Tel Aviv und dem Silikon Valley.

Die Attitüde der schwäbischen Gründer wurde als nachhaltig beschrieben: Würde manch Londoner gerne einfach nach 5 Jahren verkaufen und reich werden wollen, würden hier ganz andere Ziele verfolgt: Zum einen der Wunsch nach Selbstständigkeit und der Möglichkeit, eine eigene Idee zu kreieren und etwas zu erschaffen. Zum anderen wolle man sich langfristig und nachhaltig im baden-württembergischen Mittelstand etablieren. Und Nachhaltigkeit sei ja sowieso immer positiv. Es wäre zwar nichts anstößig daran, nur des schnellen Geldes wegen zu gründen, wirtschaftsfördernd sei so ein Verhalten aber auch nicht gerade.
Dementsprechend bräuchte es auch nachhaltige Fördermaßnahmen im Land.

Die Politik wurde von den Experten ganz schön in die Mangel genommen. Kritisiert wurde das fehlende Ökosystem für Investoren. Das Geld wäre zwar da, trotzdem würden kaum deutsche Mittelständler in Startups investieren. Dies läge an einer fehlenden Anlaufstelle für genau diese Menschen. Wo soll man anfangen? Wo soll man sich melden? Es sei Aufgabe des Landes, eine Möglichkeit der problemlosen Finanzierung in HighTech zu schaffen.

Besonders im Hinblick auf den neuen Typus von Venture, welcher zur Zeit heranwächst. Junge Familienunternehmer aus dem Mittelstand wollen in der Region bleiben, diese fördern und dementsprechend investieren.

Auf gute Brutkästen folgt das Valley of Death

Mit EXIST, Junge Innovatoren, dem Elevator Pitch BW und anderen Finanzierungsmöglichkeiten für Gründer wäre die Anfangsphase, die ersten paar Jahre eines Startups gut abgesichert. Um in die Pötte zu kommen, bietet BaWü eine Menge. Steht das Kindchen dann aber auf eigenen Beinen, kommen viele Fixkosten auf, zB für Personal. Dieses sogenannte "Valley of Death" ist eine der härtesten Phasen innerhalb einer Gründung und sehr kräftezehrend. Hier würde der Gründer allein gelassen, es fehle an Möglichkeiten zur Unterstützung.

„Unterschätzte Gründerszene im Ländle“

Ein Grund hierfür sei das fehlende Selbstbewusstsein der Schwaben, welches eine unterschätzte Gründerszene zur Folge habe. Wir hätten ein Darstellungsproblem gegenüber ausländischen Investoren. So investiere der Heilbronn Startup Fond mehr mit Schweizer Mitteln als mit baden-würtembergischen Investoren.

Der F&E Anteil im ansässigen Mittelstand überschreitet das europäische Mittel bei weitem.
Betont wurde auch die 1A Hochschulqualität sowie die hohe technologische Kompetenz, welche wir in Baden-Württemberg vorfinden. Wir können alles, außer hochdeutsch. Wieso können wir uns dann nicht anständig in der Welt präsentieren?

Hier wurde der Vergleich mit Bayern zur Hand genommen: Den Fakten nach liegt Baden-Württemberg startup technisch weiter vorne. Von außen sieht Bayern aber besser aus, die verkaufen sich einfach besser. Natürlich ist es cooler, besser zu sein aber damit nicht hausieren zu gehen als sich einfach nur gut zu verkaufen, eventuell verschenken wir uns da aber viele tolle neue Möglichkeiten an die Bayern. Und es reicht eigentlich, wenn wir im Fußball verlieren..

Deutschen Hochschulabsolventen fehlt Gründungsreife

Problematisch sei die fehlende Gründungsreife der Absolventen. Kein Wunder, wenn man 6 Jahre passiv im Hörsaal sitzt, nie präsentieren muss und nur lernt. Im Angelsächsischen Bereich würde der Gründergeist bereits während des Studiums gefördert.

Weiter wurde sich über die "Kultur des Scheiterns" aufgeregt. Failing is not an option, lediglich die Bereitschaft zu Risiko und möglichem Scheitern. Scheitern als solches sollte aber niemals das Ziel sein, uns geht es ja nicht umsonst so gut in Süddeutschland.

"a fast no is the second best answer"

Die Stärken von Baden-Württemberg liegen im Bereich Maschinenbau, Pharmazie, Feinmechanik und dem Ingenieurswesen. Corporatepotenzial wäre da, trotzdem wünschten sich die meisten Startups mehr Unternehmergeist und Bereitschaft zur Kooperation seitens der Konzerne. Oder zumindest mal eine klare Positionierung, denn „a fast no ist the second best answer“.

Gründungen scheitern oft an „Soft Facts“ wie Freundschaften

Das Land kann noch viel tun, bei manche Dingen ist aber auch die Regierung machtlos: So scheitern Gründungen oftmals an den Beziehungen der Mitwirkenden. Gibt es innerhalb des Teams Knatsch, kann die Idee noch so gut sein. Deshalb müssen alle mit Changemanagement vertraut sein und Kritik vertragen können.

Wie werden wir Spitze?

Thilo Sautter, Partner bei der Beteiligungsgesellschaft Cinven meinte, wir wären nicht weit weg davon. Wir sollten unsere Visionen umsetzen und weiter fördern. Der Staat muss dringend ein Ökosystem für alle Akteure der Startup Szene schaffen und die bereits etablierten Unternehmen müssten mehr investieren.

L-Bank-Chef Axel Nawrath antwortete, es brauche Geduld und disruptive Ideen. Sollte ein chinesischer Investor 5 Mrd. Euro bieten, das alte Geschäft verkaufen und etwas neues anfangen. Liebe Chinesen: Für 5 Milliarden würden wir unser Unternehmen auch verkaufen!

Ingmar Hoerr, Chef des Tübinger Biotech-Unternehmens Curevac, fand einen englischen Spruch als Antwort: Lets make it happen!

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EnBW-Chef Frank Mastiaux betonte, wie wichtig ein eigenes Profil sei. Wir brauchen weder Berlin noch das Valley kopieren, weil wir selber gut sind. Um das zu begreifen und umzusetzen, brauche es aber mehr Selbstbewusstsein.

Der Abend hat sich auf jeden Fall gelohnt, allein wegen der guten Maultaschen und den interessanten Kontakten beim anschließenden Netzwerken. Nächstes Mal wäre ne Frau in der Runde noch ganz nett, ansonsten: Danke für den spannenden Abend!