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Philosophie, Wirtschaft, Erdbeeren: Das Rheingauer Wirtschaftsforum 2016

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Das Team der Second Screen App Flickstuff lernte viel auf dem Rheingauer Wirtschaftsforum 2016 in der Nähe von Wiesbaden.

Dieses Wochenende veranstaltete unsere Freundin Dagmar Döring zum fünften Mal das Rheingauer Wirtschaftsforum. Mit dem Untertitel „Wirtschaft gestaltet Gesellschaft“ versammelt sie jedes Jahr einflussreiche und bekannte Größen aus dem deutschen Unternehmertum im wunderschönen Rheingau bei Wiesbaden.
Das diesjährige Forum stand unter dem Motto „Generationendialog“.

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„Ist die Zeit aus den Fugen geraten? Warum wir nach dem technischen den menschlichen Fortschritt brauchen“ – Dinner Speech von Dr. Petra Bock

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Die Dinner-Speech am Samstagabend wurde von Dr. Petra Bock gehalten, welche die Thesen ihres neuen Buches vorstellte. Wie sie selbst sagte, war es ihre Intention, einen regen Diskurs anzuregen. Dieses Ziel hat sie eindeutig erreicht, auch am nächsten Tag war sie noch Thema. Man kann über Philosophen denken und sagen was man will, aber Petra Bock gehört eindeutig zu den Großen ihrer Zeit und es war gleichermaßen inspirierend und faszinierend, ihrer halbstündigen Rede zuzuhören.

„Woodstock in Timbuktu – Die Kunst des Wiederstands“ – Filmvorführung von Desiree von Trotha

Der Abend wurde mit einem Film der Künstlerin Desiree von Trotha beendet, welche seit 25 Jahren die Hälfte des Jahres in der Wüste Afrikas, genauer ist der Sahara-Sahel-Zone, verbringt. Dort ist sie aktiv an der Friedenshilfe beteiligt und eng mit den Tuareg befreundet.
Es war sehr spannend zu sehen, wie die Gesellschaftsstrukturen innerhalb der Nomadenstämme sind und sich durch Krieg und Religion verändern. Die sozialen Strukturen sind im Gegensatz zu den politischen des Landes sehr fortschrittlich und frei, die Gitarre ist genauso Instrument des Wiederstandes und auf dem Festival au Desert wird genauso viel getanzt wie auf westlichen Festivals.
Die Künstlerin selbst ist ziemlich cool. Ihre vorurteilsfreie Sicht auf die Dinge und ihr unbrechbarer Optimismus halten sie offensichtlich jung und machen es zu einer wahren Freude, sich mit ihr zu unterhalten.

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Forum „Generationendialog“ am Sonntag

Der Sonntag begann um halb 10 mit einem Sektempfang. Wir hatten die große Ehre, uns währenddessen mit Philipp Steiff über Werte im Unternehmen unterhalten zu können. Er bezeichnet sich selbst als „Intellektueller mit mit Schwielen an den Händen“ und teilt unsere Ansicht, dass Leidenschaft eines der relevantesten Aspekte eines erfolgreichen Unternehmers sind. In den eigenen Händen hielt er – wie hätte es anders sein sollen – einen Steiff Teddy, als Geschenk für Dagmar.
Folgender Spruch von ihm ist uns in Erinnerung geblieben und wir wollen ihn uns zu Herzen nehmen: Wer sich zu groß ist, Kleines zu tun, der ist zu klein, um Großes zu tun.

Es folgte ein Grußwort von Margit Dietz, der Landesvorsitzenden des Verbandes deutscher Unternehmerinnen. Sie gab einen kurzen Abriss über die Aktivitäten des Arbeitgeberverbandes und betonte, wie wichtig Kommunikation sei. Diese muss nicht nur verstanden, sondern auch umgesetzt werden. Letzteres stelle die viele Menschen immer wieder vor eine große Herausforderung, beispielsweise bei der Unternehmensnachfolge.

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Female Shift: Erfolgreicher durch Diversität

Das erste Panel „Female Shift“ wurde von Hans Jecklin eingeleitet, einem sehr weisen und intellektuellen Schweizer Unternehmer und Autor. Er empfahl, Unternehmen nach „dem Prinzip der Liebe“ zu führen: „Ich weiss, dass das geht.“
Er zeigte ein Zitat von Gus Speth, welcher die eigentlichen Probleme unserer heutigen Zeit beim Namen nannte: Ich-Bezogenheit, Gier & Apathie.

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Die anschließende Podiumsdiskussion war geprägt durch starke Persönlichkeiten: Lena Waldhoff rettet mit ihrem Verein Jugend Rettet e.V. Flüchtlinge vorm Ertrinken im Mittelmeer und erzählte von ihren Erfahrungen in der Schiffsbranche und welche Maßnahmen sie gegen die dort vorherrschende Diskriminierung ergreift.

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Für die Unternehmerin Sumita Mitter bedeutet Female Shift vor allem Chancengleichheit. Sie finanziert gemeinsam mit ihrer Familie indischen Kindern die Schulbildung und benutzt in ihrer Agentur Pferde als Spiegelfunktion. Pferde reflektieren nonverbales Verhalten, was besonders für Führungskräfte lehrreich sein kann.

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Sehr sympathisch war Prof. Eicke R. Weber vom Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme. Gäbe es mehr Männer mit seiner Einstellung, wäre die Diskussion überflüssig gewesen.

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Mit Witz und Charme: Die Moderation von Silke Ramelow

Wie man es von ihr gewohnt ist, moderierte Silke Ramelow von Bildungscent e.V. selbstsicher und humorvoll durch die Veranstaltung. Ihre Brille aus Holz finden wir nach wie vor obercool!

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Die Zukunft der Marke ?!

Wie alle anderen Redner waren auch diejenigen des Panels „Die Zukunft der Marke“ sehr treffend ausgewählt. Lea Stenger und Eric Posselt betreiben beide erfolgreiche Agenturen für Markenbilder und sind sogenannte „brand coaches“.

Wofür stehen wir wirklich? Die Humanisierung der Markenführung

Posselt verglich die Marke mit dem guten Ruf eines Unternehmens: Der Kunde bildet sich eine Meinung und integriert das Produkt oder den Service in sein Leben. Wichtig sei die Unterscheidung zwischen Sinn und Zweck und das ständige Hinterfragen des „warum“ und wo man mit seiner Marke hinwill. Oftmals sei die Markenethik zu sehr zweckorientiert. Er empfiehlt mehr Sinnorientierung.

Lea Stenger wählte für ihre Agentur granular Hamburg den Untertitel „Marken mit Menschenverstand“. Im Gegensatz zu einer klassischen Agentur ist granular ein Netzwerk vieler Selbstständiger, oder wie sagt „Intrapreneurs“. Gleichzeitig stellt sie den Mensch als solches ins Zentrum ihrer Arbeit, denn Marken werden von Menschen gemacht.
Aus diesem Grund sollen auch die Mitarbeiter ein Gefühl für die Marke bekommen. Identifiziert sich der Mitarbeiter mit der Marke, entsteht eine Art Gegenliebe zwischen ihm und seinem Produkt. Erst das macht die Marke lebendig und stiftet auch beim Kunden Identität.

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Empathie mitreinzubringen ist Lea ebenfalls sehr wichtig. Dies sei schwierig, denn sowohl in mittelständischen Betrieben als auch in Großkonzernen erlauben die festen Strukturen oft nicht, empathisch zu denken. Dies ist aber enorm wichtig, um den Nutzer zu verstehen.
Viele Geschäftsführer und Manager hätten Angst vor dem Kontrollverlust bei Digitalisierung. Dieser lässt sich nicht umgehen, denn was im Internet passiert, bleibt im Internet und lässt sich nicht mehr löschen. (Man kanns nicht oft genug sagen: Wer hätte gedacht, dass sich dieses Internet tatsächlich durchsetzt!)

Leas These: Marken entstehen auf Basis von Beziehungen. Man macht keine Marke, man lässt sie entstehen.
Eric Posselt erzählte davon, wie er Marken zur Geburt verhelfe und wies mehrmals darauf hin, dass eine Marke ein bestimmtes Werteversprechen sei, mit dem sich der Kunde identifizieren könne.

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Was eine gute Marke ausmacht, die in die Zeit passt? Lea betonte die große Rolle der Sensorik, wie das z.B. Abercrombie & Fitch macht. Bereits beim Vorbeilaufen eines A&F Stores riecht man den für die amerikanische Marke typischen Duft.
Des Weiteren sei eine Marke dann gut, wenn sie –wie eine menschliche Beziehung- ihre Daseinsberechtigung erbracht habe.

Posselt erklärte den Unterschied zwischen Marken früher und heute. Früher war eine gute Marke ein gutes Produkt. Heutzutage gehört zu einer erfolgreichen Marke viel mehr als nur das, denn das Produkt allein zählt nicht mehr: Möchte man eine erfolgreiche Marke erschaffen, muss man eine Plattform für all jene schaffen, welche sich mit dem Werteverständnis des Unternehmens identifizieren können und wollen, wie das beispielsweise Apple mit seinem iTunes Store geschafft hat. Diese benutzen sowohl Fans der Apple Produkte als auch deren Nichtnutzer.
Mittlerweile gibt es bereits Firmen, meist aus dem Silikon Valley, welche einzig und allein eine Plattform stellen –ohne Produkt. So zum Beispiel die Carsharing Plattform Uber oder das Bettenportal Airbnb.

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„Marken sind heute multidimensionaler als noch vor 20 Jahren“

Aus dem Publikum wurde eingeworfen, dass eine Marke ein Qualitätsversprechen sei und sich hinter dieser Menschen sammeln würden, welche dasselbe Verständnis von Qualität teilen. Lea Steckers Antwort: Genau dieses Qualitätsversprechen entwickelt sich immer vielschichtiger: Es schafft Identität und damit eine Beziehung mit der Marke. Diese sei heute um einiges multidimensionaler als noch vor 20 Jahren.

Was macht der Mensch aus der Technologie? Wie aus Foodporn ein neuer Wirtschaftszweig entstand

Technologie allein nützt nicht, wenn der Mensch diese nicht benutzt. Erklärt wurde dies am Beispiel Facebook. Durch den Trend, sein Frühstück, Mittag- und Abendessen zu teilen, entstand das sogenannte „Foodporn“. Daraus ist mit den Fitness- und Ernährungskomplettprogrammen (wie etwa Sophia Thiel) ein ganz neuer Wirtschaftszweig mit riesigem Umsatz entstanden.
Technologie erhält erst ihren Wert, wenn der Mensch sie benutzt.

„Ich wollte schon immer übers Wasser laufen und das werde ich auch tun.“

Fest entschlossen erklärte Prof. Jan Teunen, per Videobotschaft den Grund, warum er beim diesjährigen Forum nicht dabei sein konnte: Der Künstler Christo lässt in Italien Menschen auf verhüllten Stegen übers Wasser laufen.
Es kam dann alles doch ganz anders und wir wünschen Professor Teunen gute Besserung und eine schnelle Genesung seiner zwei gebrochenen Zehen. Seine Bibliothek sieht wahnsinnig interessant aus!

Kohl nach dem Mittagessen

Der anschließende Impulsvortrag wurde von Walter Kohl gehalten. Sein Motto „Anpacken. Umsetzen“ hat uns sehr gut gefallen. Herr Kohl hat gemeinsam mit seiner Frau eine Firma in deren Heimatland Korea gegründet, welche von dort die Automobilbranche zuliefert. Innerhalb kurzer Zeit schaffte es das Unternehmen, Marktführer in seinem Segment zu werden und beliefert seitdem Konzerne wie BMW, Opel oder VW.
Das Besondere: Das von Herrn Kohls Frau geführte Unternehmen beschäftigt zu 80% überwiegend koreanische Frauen. Und das in einer Branche, die eigentlich zu 100% Männerdominiert ist. Der selbsternannte Feminist hält es für „bescheuert, die Kraft von Frauen nicht zu nutzen. Sperren wir unsere Frauen ein, haben wir daheim den Ärger. Lassen wir sie lieber Arbeiten.“ Er betonte aber auch, dass ein Verhältnis auf Augenhöhe ein 2 Weg Thema ist und von beiden Parteien ernst genommen werden muss.

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Weil es in Korea noch unüblich ist, dass Frauen selbstständig und unabhängig arbeiten (dürfen), bewerben sich sehr viele hoch qualifizierte Frauen auf die Posten in dem deutsch-koreanischen Zulieferer, was sich wiederum sehr positiv auf den Erfolg des Unternehmens auswirkt.

Der Typ mit dem Holzding

Im zweiten Teil seines Vortrags ging es um den inneren Frieden und wie man diesen findet: Nämlich dann, wenn Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in Einklang und Harmonie miteinander sind. Dargestellt hat er dies in einer eigens angefertigten Holzfigur mit drei Gesichtern.

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Ein weiteres Bild für den inneren Frieden ist das Leben im Kreisverkehr. Dieser hat 3 Ausfahrten, für eine muss man sich entscheiden. Zur Auswahl stehen Kämpfen, Fliehen oder Versöhnen. Je nach Situation muss man sich für einen Weg entscheiden.

Werte & Kultur: Diversität ist für uns selbstverständlich

Am meisten Diskussion herrschte bei "Werte & Kultur". Ein Thema, so breit gefächert, man hätte einen eigenen mehrtätigen Kongress dafür ins Leben rufen können.
Bei dieser Runde durfte unser Co-Founder Johannes Knittel als Gesprächsteilnehmer auf der Bühne sitzen.

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Zwischen Unternehmern und Philosophen scheint es in vielen Bereichen geteilte Meinungen zu geben, denn es kam zu einer sehr lebendigen Konversation. Es hat wirklich großen Spaß gemacht zu sehen, wie Menschen aus den verschiedensten Bereichen darüber streiten, ob ein rein gewinnorientiertes Unternehmen nun Sinn macht oder nicht.

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Walter Kohl gab zu guter Letzt allen noch eine spannende Aufgabe mit auf den Weg, welche er Führungskräfte bei Coachings praktizieren lässt:
Stell Dir vor, du bist ein kleiner Vogel und beobachtest von einem Ast aus deine Beerdigung. Jeder der anwesenden Gäste darf 30 Sekunden etwas über dich sagen: Familie, Freunde, Kollegen und dein Gärtner/Bäcker/etc.
Was würdest du wollen, was sie über dich sagen?

Krieg und Frieden

Bei diesem Panel wurde die Frage in den Raum geworfen, ob wir eine neue Friedensbewegung brauchen. Weil auch wir aktiv in der Flüchtlingshilfe sind und uns die momentane Situation sehr beschäftigt, waren wir nicht nur mit wirtschaftlichem, sondern auch mit echtem persönlichen Interesse dabei. Die verschiedenen Meinungen der an der Diskussion Beteiligten öffneten uns ganz neue Wege, über die ein oder andere Situation nachzudenken.
Lena Waldhoff erklärte, dass viele der jungen Menschen heutzutage zu viel nachdenken. Ihre einfache Schlussfolgerung: Menschen ertrinken im Mittelmeer, wir brauchen ein Boot. „Manchmal isses gar nicht so komplex, wie man denkt“, so der Berlinerin und fordert mehr Naivität.

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Wenn Desiree von Throta von ihrem Leben und Arbeiten in Afrika erzählt, bekommt man sofort Lust seinen Rucksack zu packen und drauflos zu reisen!

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Ausklang auf dem Erdbeerfest

Nach so viel Input schafften wir es tatsächlich noch, den Abend auf dem benachbarten Erdbeerfest ausklingen zu lassen. Mit dem Jahrmarkt, dem guten Wetter und den schönen alten Häusern fühlte sich das an wie Urlaub.

Zusammenfassend können wir sagen, dass uns der Besuch auf dem Rheingauer Wirtschaftsforum persönlich sehr viel zum Nachdenken gegeben und uns weiter gebracht hat. Die Reise ins Rheingau hat sich auf jeden Fall gelohnt und wir danken vielmals für die Einladung!

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Wir danken Bjœrn Pust und Patrick Jacobi von der Agentur lekkerwerken für das Bereitstellen des Bildmaterials.

Fotos von Marco Grund